Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Zur Unternavigation springen

Vom Naturalienkabinett zur Forschungssammlung

Die Sammlung an Weichtierschalen des SMNK umfasst aktuell mehr als 15.600 Belegserien und 93.000 Schalen. Die zugehörigen Daten sind digitalisiert und werden in dem modernen Datenbanksystem Diversity Workbench verwaltet. Von 1300 Belegen liegen hochaufgelöste digitale Bilder vor.  

Diese Sammlung hat ihren frühen Ursprung in einer Sammlung von 714 Schalen von 134 Arten überwiegend mariner Weichtiere des Erbprinzen Friedrich (1708 - 1732), Sohn des Karlsruher Stadtgründers Karl Wilhelm von Baden-Durlach. Friedrich hatte diese begehrten Conchylien entweder bei einem Aufenthalt in der Niederlande im Jahr 1720 erworben oder seine niederländische Gemahlin Anna Charlotte Amalie von Nassau-Dietz-Oranien hat sie in die Ehe eingebracht. 

Markgräfin Karoline Luise von Baden, Gemälde von J.W. HauwillerCarl Christian Gmelin, der erste Direktor des Naturalienkabinetts, Gemälde von Ott (um 1800)Bild einer Ausstellung „Die Erforschung der Natur. Frühe naturkundliche Sammlungen zwischen Liebhaberei und Wissenschaft“ im Aachener Couven-Museum (2016)

Nach seinem Tod gingen die Schalen in das Naturalienkabinett der Schwiegertochter Markgräfin Karoline Luise von Baden (1723-1783) über, die selbst großes naturwissenschaftliches Interesse, Kenntnisse sowie Verbindungen zu führenden Wissenschaftlern der Zeit hatte und ab 1759 selbst in großem Umfang Mineralien und Conchylien sammeln ließ, kaufte und von anderen Fürstenhöfen erhielt. Ihr weit über den Rahmen einer privaten Sammlung hinaus gewachsenes Naturalienkabinett wurde kurz nach ihrem Tod 1784 einem eigens bestellten Direktor (Carl Christian Gmelin) unterstellt und im Ostflügel des Karlsruher Schlosses untergebracht. Bereits 1785 wurde das Kabinett in den Räumen der Hofbibliothek dann als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. 

Deckblatt des Gmelin-Katalogs zur Markgräflichen Sammlung

Der junge Direktor Gmelin musste von Anfang an erhebliche Arbeit in die Ordnung der Sammlung investieren und dann 1793 zum Schutz vor den französischen Revolutionsheeren eine kurzzeitige Auslagerung nach Ansbach sowie 1797 den Rücktransport organisieren.

Etikett von GmelinVon Gmelin geschriebenes Etikett

Bis zu seinem Tod 1837 wurden die Sammlungen unter Gmelin erheblich erweitert, die Conchyliensammlung unter anderem Schalen von Wilhelm Schimper aus Südfrankreich und durch die Übernahme einiger wertvoller Stücke der Fürstbischöflichen Meersburger Sammlungen (1803), darunter vielleicht sogar Meeresschnecken und -muscheln, die auf Cook's Weltreise gesammelt worden waren. Noch 1837 erhielt die Sammmlung einen weiteren wertvollen Zuwachs durch 1243 Conchylien von G.J. Peitsch aus Java. Die Karlsruher Sammlung war durchaus bekannt und zog Gelehrte an den Hof. So besuchte Goethe 1815 das Naturalienkabinett (ein zweites Mal) mit dem konkreten Ziel die Conchylien zu sichten. 

Prof. Alexander Braun folgte auf Carl Gmelin als Direktor (1837-1845). Er bemühte sich sehr die Sammlung durch Schenkungen und Ankäufe (auch seiner eigenen wertvollen Sammlung an Land- und Süßwassermollusken) zu vervollständigen. Dasselbe Ziel verfolgte auch sein Nachfolger Moritz August Seubert (1846-1873), der seine eigenen Conchylien aus Java übergab und auch zahlreiche Stücke (von M.J. Landauer, Frankfurt am Main) kaufte. Unter seiner Regie konnten dann 1875 die Sammlungen in das neue Sammlungsgebäude und Museum am Friedrichsplatz umziehen.

Die letzten großen Zugänge waren 1881 die Übergabe der Sammlung mit über 4000 Belegserien des Karlsruher Kaufmanns Carl Kreglinger (im Wert von 1000 Mark) und 1889 fast 2000 Belegserien aus dem Nachlass von Adolf Schütt, beide während des Direktorats von Adolph Knop.

Von 1902 an wirkte der Zoologe Max Auerbach als Direktor an der Erneuerung des Museums, z.B. an der Trennung der wissenschaftlichen Sammlungen und der Schausammlung, er widmete sich aber besonders auch der Katalogisierung und Ordnung der Sammlungen. So erstellte er von 1907 bis 1911 ein zweibändiges Eingangsregister Conchylia (und 1 Eingangsregister Mollusca) und vergab bis in die 1940er an darin registrierte Belegserien fortlaufende Nummern (CONCH 1 bis CONCH 9070), die er auch in Form von kleinen Etiketten auf die Schachteln (selten auf die Schale) klebte, in denen die Belege aufbewahrt wurden.

  Seite 1 des Eingangsregisters 1-5000 von AuerbachNautilus Schale mit Etikett von Auerbach

Max Auerbach hat in seiner Zeit am Museum bis 1946 unermüdlich an der Erweiterung der Sammlungen gearbeitet, z.B. auch selbst Süßwasser- und Landschnecken in der Umgebung von Karlsruhe gesammelt. Er musste auch die großen Verluste durch Bombentreffer im zweiten Weltkrieg mit erleben. Glücklicherweise konnte wohl der größte Teil der Conchyliensammlung vor den Bränden gerettet werden, geriet aber durch die überstürzten Rettungsarbeiten in erhebliche Unordnung. So hat es der zoologische Jurator Josef Hauer 1955 im "Auerbach-Katalog" vermerkt. Während die Kreglinger-Sammlung als Teilsammlung wieder geordnet werden konnte, wurden die Teile "Alte Sammlung", "Nat-Cabinett" und "Sammlung Schütt" als Allgemeine Sammlung weitgehend unbearbeitet zusammengeführt.

Erst Helmut Knipper hat als zoologischer Kurator von 1959 an die Schalensammlung wieder (oder sogar erstmals) systematisch geordnet. Knipper kam 1959 vom Übersee-Museum in Bremen an die Landessammlungen in Karlsruhe. Seine Sammelleidenschaft und Reiselust kam in den folgenden Jahren allen Sammlungen, darunter auch der Conchyliensammlung zu Gute. Von einer 18 Monate dauernden Ostafrikareise (1963 - 1964) brachte er über 400 Serien an ostafrikanischen Land- und Süßwasserschnecken mit, denen sein persönliches Forschungsinteresse galt.

Nach Knippers unerwartetem Tod 1974 übernahm Prof. Ludwig Beck die Leitung der zoologischen Abteilung und Dr. Hans-Walter Mittmann die Verantwortung für die Conchyliensammlung. Zwischen 1975 und 2001 hat sich aber lediglich der Zoologe und Nematologe Herbert Zell mit der Sammlung näher beschäftigt. Er hat einen großen Teil unter modernen systematischen Gesichtspunkten neu geordnet und in zwei Karteikartensammlungen erfasst. Die Sammlung war inzwischen in eigens angefertigten Holzschränken mit variablen Schubladengrößen im Dachmagazin des Naturkundemuseums am Friedrichsplatz untergebracht. Von dort wurde sie wegen der ungünstigen klimatischen Bedingungen und dem akuten Platzmangel für alle Sammlungen im Frühjahr 2006 in ein Außendepot ausgelagert, wo sie sich auch aktuell (2022) noch befindet. Die in der Regel nach Familien geordneten alten Schubladen sind dort in neue Schränke einsortiert. Unter dem aktuellen Leiter der Zoologie Hubert Höfer (2002 - ) wurde der "Auerbach-Katalog" digitalisiert, d.h. zunächst die Sammlungsnummern und Beleginformationen in eine flache Tabelle geschrieben und die Daten dann eine relationale Datenbank (Diversity Workbench) importiert, in der die Sammlungsdaten aktuell digital verwaltet und bearbeitet werden. Mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst konnte dann von 2017 bis 2020 eine Technische Assistentin für naturkundliche Museen und Forschungsinstitute Eileen Nguyễn eingestellt werden, die große Teile der Sammlung gesichtet, geordnet und damit begonnen hat die Belege digital zu fotografieren. Diese Arbeit bildete die Grundlage für diesen Online-Sammlungskatalog.

Quellen

Angst, R. (1985): Kurze Geschichte der Zoologischen Abteilung. – In: Rietschel, S. (Hrsg.): Vom Naturalienkabinett zum Naturkundemuseum 1785 - 1985. Geschichte der Landessammlungen für Naturkunde: 49–64; (Landessammlungen für Naturkunde) Karlsruhe.

Beck, L., Mayer, E., Roesler, R. U., Ebert, G., Philippi, G. & Trunko, L. (1977): Die Landessammlungen für Naturkunde Karlsruhe in den Jahren 1973 - 1976. – Beiträge naturkundlicher Forschung Südwestdeutschlands 36: 5–24.

Jacob-Friesen, H. (2015): Karoline Luise - Hessische Minerva und Vielwisserin von Baden. – In: Jacob-Friesen, H. & Müller-Tamm, P. (eds): 23–51; (Deutscher Kunstverlag) München, Berlin.

Jörg, E., Oberdorfer, E., Knipper, H., Amsel, H. G. & Fessenmaier, G. (1960): Die Landessammlungen für Naturkunde Karlsruhe in den Jahren 1957 - 1960. – Beiträge zur Naturkundlichen Forschung in Südwestdeutschland 19: 118–129.

Kreglinger, C. (1864): Verzeichniss der lebenden Land- und Süsswasser-Conchylien des Grossherzogthums Baden. – Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Carlsruhe 1: 37–46.

May, W. (1906): Zur Geschichte des Großh. Bad. Naturalienkabinetts in Karlsruhe (1751-1878). – Verhandl.Naturwiss.Verein 19: 2–19.

Mayer, G. (1973): Beiträge zur Geschichte der Badischen Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe V. Akquisition der Naturalienkabinette zu Meersburg (1803) und Sankt Blasien (1807). – Beiträge naturkundlicher Forschung Südwestdeutschlands 32: 195–203.

Mayer, G. (1978): Das Naturalienkabinett des Erbprinzen Friedrich (1708-1732). – Beitr. naturk. Forsch.SüdwDtl. 37: 29–34.

Oberdorfer, E. (1951): Zweihundert Jahre Landessammlungen für Naturkunde. – Beitr. naturk. Forsch. SüdwDtl. 10: 69–74.

Oberdorfer, E. (1966): Zur Geschichte der Badischen Landessammlungen für Naturkunde und des Naturwisssenschaftlichen Vereins Karlsruhe. Beitr.naturk.Forsch.SüdwDtl 10: 69-74